Daniel Grünauer wurde 1982 in Weiden in der Oberpfalz geboren. Nach seinem Abitur studierte er Theaterwissenschaften und Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie Germanistik und Politische Wissenschaften an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und schloss sein Studium mit dem Titel Magister Artium ab. Außerdem absolvierte er ein einjähriges Erasmusstudium der Darstellenden Künste (arts du spectacle | parcours „Théâtre“) an der Université de Caen Basse-Normandie.
Seit seinem siebzehnten Lebensjahr macht er Theater. Von 2006 bis 2012 war er Regisseur und Dramaturg bei den Burgfestspielen Leuchtenberg. Während des Studiums gründete er das UniTheater studi(o)bühne Würzburg und hospitierte am Mainfrankentheater Würzburg. Im September 2010 inszenierte er mit dem Musical XANADU erstmals eine deutschsprachige Erstaufführung. Im selben Jahr erschien seine Publikation mit dem Titel EXPLOSION DER ERINNERUNG – Heiner Müllers „Der Auftrag“ vor dem Hintergrund seiner Amerikareisen beim Tectum Verlag Marburg.
Von 2010 bis 2012 war er als Regisseur, Dramaturg und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit am Landestheater Oberpfalz (LTO) engagiert, das er mitbegründete. Im Februar 2013 feierte die von ihm erstellte Bühnenfassung des Romans PARADISO von Thomas Klupp seine Uraufführung am LTO. Mit Beginn der Spielzeit 2012/2013 wechselte Daniel Grünauer ans Theater Ulm, wo er bis 2017 als Leitender Schauspieldramaturg und Leiter Kommunikation engagiert war. Von 2014 bis 2015 unterrichtete er Dramaturgie an der Akademie für darstellende Kunst (AdK) Ulm und war Dozent am Aicher-Scholl-Kolleg Ulm.
Von 2017 bis 2019 arbeitete er am Theater Konstanz – zuletzt als Chefdramaturg und von Dezember 2019 bis Mai 2020 war er für die Koordination des 7. Schweizer Theatertreffens 2020 in Liechtenstein zuständig. Er ist Mitglied der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft in Berlin sowie Mitbegründer des dramaturgie-netzwerks (d-n). Von 2014 bis 2020 war er Beirat des Landestheater Oberpfalz. Überdies war er von 2020 bis 2025 Teil des Leitungsteams der RathausOper Konstanz. Von 2020 bis 2022 war er in der Intendanz von Iris Laufenberg Dramaturg am Schauspielhaus Graz. In der Zeit war er Stipendiat der ETC European Theatre Academy 2021 im Rahmen des Festival d’Avignon und des ETC European Staff Exchange an den Théâtres de la Ville in Luxemburg. Für die Spielzeit 2022/2023 kehrte er in sein Heimat zurück und fungierte als Leitender Schauspieldramaturg am Theater Regensburg. Seit Oktober 2023 ist er Dramaturg am Berliner Ensemble und leitet gemeinsam mit Clara Topic-Matutin das internationale Residenzprogramm für junge Regie WORX.
Abschied aus dem Leitungsteam der RathausOper Konstanz
Daniel Grünauer scheidet auf eigenen Wunsch als Mitglied des Leitungsteams der RathausOper Konstanz aus. In den vergangenen 5 Jahren inszenierte Daniel Grünauer 2020 bis 2022 drei Opernabende (u.a. DER APOTHEKER von Joseph Haydn und GELEGENHEIT MACHT DIEBE von Gioachino Rossini) und führte gemeinsam mit seinen Kolleg:innen Ruth Bader und Eckart Manke die RathausOper durch die schwierigen Corona-Jahre.
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Abschied aus dem Leitungsteam der RathausOper Konstanz
Nach 5 Spielzeiten scheidet Daniel Grünauer auf eigenen Wunsch als Mitglied des Leitungsteams der RathausOper Konstanz aus.
In den vergangenen Jahren inszenierte Daniel Grünauer 2020 bis 2022 drei Opernabende (u.a. DER APOTHEKER von Joseph Haydn und GELEGENHEIT MACHT DIEBE von Gioachino Rossini) und führte gemeinsam mit seinen Kolleg:innen Ruth Bader und Eckart Manke die RathausOper durch die schwierigen Corona-Jahre. Er etablierte mit DICHTERLIEBE einen neuen musikalisch-performativen Ansatz inklusive Videomapping und Lichtshow. Außerdem wurde nach der Corona-Zeit die Vorstellungs- und Zuschauerzahl wieder deutlich erhöht, so dass die RathausOper in den letzten drei Jahren bei einer durchschnittlichen Auslastung von über 90 Prozent lag. Auch die Ticketerlöse zeigten einen deutlichen Anstieg. Pro Jahr besuchten rund 1.300 Zuschauer:innen im Schnitt die Kammeropernproduktion.
Sein Nachfolger wird der in Konstanz lebende Joachim Steiner, langjähriger Kostümbildner bei der RathausOper.
Mit ETC Staff Exchange Programme zu Gast in Luxemburg
Daniel Grünauer wurde im Rahmen des Austauschprogramms der European Theatre Convention an die Théâtres de la Ville de Luxembourg als Gastdramaturg eingeladen. Zwischen 3. und 17. Mai arbeitet und lernt er bei den Kolleg:innen des Grand Théâtre in Luxemburg.
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Mit ETC Staff Exchange Programme zu Gast in Luxemburg
Daniel Grünauer was invited to work as a guestdramaturg at the Théâtres de la Ville de Luxembourg for two weeks as part of the scholarship of the European Theatre Convention. The Staff Exchange Programme offers all technical, administrative and artistic personnel from Member Theatres the opportunity to exchange know-how and techniques at an ETC Member Theatre in another European country for a period of up to four weeks.
The programme encourages the sharing of best practices and knowledge, peer-learning, on-the-job training, and the development of personal, professional and intercultural skills and competence. Spread the word among your staff members and encourage them to experience the diversity of Europe’s theatre scene!
Daniel Grünauer wurde im Rahmen des Austauschprogramms der European Theatre Convention an die Théâtres de la Ville de Luxembourg als Gastdramaturg eingeladen. Zwischen 3. und 17. Mai arbeitete und lernte er bei den Kolleg:innen des Grand Théâtre in Luxemburg. Das große Haus des Grand Théâtre fasst 950 Zuschauer:innen. Foto: Daniel GrünauerSeit der Sanierung gibt es auch ein weitere Bühne – das Studio im Grand Théâtre fasst rund 280 Zuschauer:innen. Foto: Daniel Grünauer
Teilnehmer der European Theatre Academy in Avignon
Daniel Grünauer war Teilnehmer der EUROPEAN THEATER ACADEMY 2021 von 5. bis 9. Juli 2021 in Avignon. Die Akademie fand im Rahmen des Festival Avignon im Institut Supérieur des Techniques du Spectacle statt.
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Teilnehmer der European Theatre Academy in Avignon
Daniel Grünauer was invited to the EUROPEAN THEATRE ACADEMY 2021 from Monday 5 to Friday 9 July, initiated by the European Theatre Convention (ETC) and co-funded by the Creative Europe Programme of the European Union. The Academy takes place at the Institut Supérieur des Techniques du Spectacle at Avignon.
The 7th edition of the annual ETC European Theatre Academy offerd four days of masterclasses and worked on own projects with mentors, focussing on the different aspects of curating and managing international theatre collaborations. The European Theatre Academy is specifically designed for theatre professionals at the beginning of their careers, with potential and ambition to grow internationally.
Daniel Grünauer wurde als einer von 13 Theaterschaffenden zur EUROPEAN THEATER ACADEMY 2021 eingeladen. Die Akademie fand im Institut Supérieur des Techniques du Spectacle in Avignon statt. Die 7. Ausgabe der jährlichen ETC European Theatre Academy bot Meisterkurse und die Arbeit an eigenen Projekten mit Mentoren, die sich auf die verschiedenen Aspekte der Kuratierung und Verwaltung internationaler Theaterkooperationen konzentrieren.
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Theaterworkshop: Schüler bauen Traumlehrer ein
Sechs Philan-Gymnasiasten holen Texte aus der Gründerzeit ihrer Schule in die Neuzeit, möbeln sie auf und bringen sie auf die Bühne. Aufführung im Georgengarten Dessau.
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Theaterworkshop: Schüler bauen Traumlehrer ein
Sechs Philan-Gymnasiasten holen Texte aus der Gründerzeit ihrer Schule in die Neuzeit, möbeln sie auf und bringen sie auf die Bühne. Aufführung im Georgengarten Dessau.
VON SILVIA BÜRKMANN // Mitteldeutsche Zeitung Dessau-Roßlau
ROSSLAU/MZ. Aufstellen in Reihe, gemeinsames Verbeugen, Winken zum Publikum und Abmarsch im Laufschritt, Luftholen auf dem Burghof. Aber in der Torscheune der Roßlauer Burg rumort und prasselt der Applaus weiter – also Kehrt-Marsch zurück und wieder in die Reihe. Fünf Mal wollen die Zuschauer das junge Schülerensemble sehen, „Puhh, warum klatschen die so viel?“ „Na, weil ihr so gut wart“, wissen es die professionellen Schauspieler und Theaterpädagogen.
Sechs junge Menschen aus Dessau-Roßlau machen sich im Rahmen eines Theaterintensivworkshops auf FRITZENS REISE | Foto: Juliane Ulmer
Sie haben die bunt zusammengewürfelte Truppe binnen einer Woche mit deren eigenem Stück bis zur Vorpremiere geführt. Die Hauptaufführung steht am Sonntag an. Nicht „ins Haus“, sondern ins Gartenreich. Zum „Gartenreichtag“ nämlich wird das Schülerprojekt als Stationstheater rund um das Schloss Georgium gezeigt. Es ist ein Bruchteil des Jubiläumsprogramms, was die Stadt Dessau-Roßlau und das Gymnasium Philanthropinum zum 250. Geburtstag der Schule vorbereitet haben.
Das Schülerprojekt „Fritzens Reise ans Philanthropinum“ startete vorige Woche mit einer Intensiv- Woche in der Orangerie am Georgie, wo die Laienschauspieler in ihrer letzten Ferienwoche ein Stück erarbeiteten. Angeleitet von der Burgtheater-Schauspielerin und Theaterpädagogin Tonia Fechter, dem Regisseur und Dramaturgen Daniel Grünauer sowie dem Musiker und Musikpädagogen Karl Neukauf holten die Mädchen und Jungen einen Text aus der Gründerzeit vom Philan in die Realität von heute.
Eingeladen waren Interessierte ab zwölf Jahren aus allen Dessau-Roßlauer Schulen. Die Sache bis zuletzt durchgezogen haben schließlich vier Mädchen und zwei Jungen aus dem Philanthropinum selbst. Sie gehen seit Montag in die siebten, elften und zwölften Klassen. Und gehörten – Überraschung? – mit einer Ausnahme allesamt schon zuvor zur dortigen Theater-Arbeitsgemeinschaft. Auch die Ausnahme aber kennt bereits die Bühne – vom Chor.
Bei der Auseinandersetzung mit den klassischen Werken aber ließen die Jugendlichen durchaus ihren Blick auf die Welt einfließen und stellten zeitgenössische Fragen. Derart platzierten sie sogar noch einen Traumlehrer für junge Leute von heute im Stück. „Dieses Ideal wollten sie unbedingt dabei haben“, sagte Tonia Fechter.
Bei der Vorpremiere auf der Burg folgte Fritzens Reise-Stationen aus dem neuen Drehbuch dann auch spontanes, freies Szenentheater zu Stichworten aus dem Publikum. „Das ist unheimlich schwer. Und die Schüler waren sehr stark. Schauspieler mit Ausbildung ziehen davor den Hut.“
Dreister Identitäts-Diebstahl
Rezension von Renate Baumiller-Guggenberger zu Rossinis „Gelegenheit macht Diebe“, erschienen im "Orpheus Magazin - Oper und mehr".
Die RathausOper Konstanz feiert in der farbenfrohen Inszenierung von Daniel Grünauer die Premiere von Rossinis Komischer Oper „Gelegenheit macht Diebe“ und trifft damit ins Schwarze. Natürlich ist es schade, dass ausgerechnet die Premiere wetterbedingt nicht im wunderschönen Open-Air-Ambiente des Rathaus-Innenhofes stattfinden kann. Doch auch die Spiegelhalle am Konstanzer Hafen bietet hinreichend Gelegenheit, das Publikum mit dem turbulenten Fall eines dreisten Identitäts-Diebstahls zu konfrontieren, der allerhand Täuschungsmanöver und trickbetrügerische Volten nach sich zieht, der munter Konventionen und Rollenklischees entkräftet, der Romantik und Begierde sowie Vor- und Nachteile arrangierter Ehen und Risiken einer Liebesheirat präsentiert. Harmonisch fügte sich am Ende alles, betört „Gelegenheit macht Diebe“ als große Kunst des kleinen, aber komödiantisch fein inszenierten Musiktheaterformats.
Beschwingtes Spiel mit Identitäten zwischen Klamauk und Ernsthaftigkeit (links Andrea Suter, rechts Nicola Ziccardi) | Foto: Bjørn Jansen
Man glaubt es kaum, dass Gioachino Rossini seine „Farsa“ (im italienischen Original „L’occasione fa il ladro“) in nur elf Tagen komponiert hat. Und was zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Gunst der Theaterliebhaber weit oben rangiert, unterhält auch im Jahr 2022 auf hohem Niveau. Wie versiert Rossini als Opernkomponist ist, weiß man; und doch überraschen die Frische, der Elan und die Leidenschaft, freut man sich an der beschwingten, kontrastreichen Partitur des Einakters, der bei aller Vorhersehbarkeit der Handlung über hinreichend Tiefe verfügt, um die agierenden „Typen“ (Libretto von Luigi Prividali) feinzeichnend und zeitlos wiedererkennbar musikalisch zu charakterisieren. So versprüht diese Produktion Wonne und wahrlich „diebische“ Theaterfreude.
Maria Reina Navarro Crespo, Nicola Ziccardi, Roberto Gionfriddo, Andreas Suter, Christian Camino | Foto: Bjørn Jansen
Mit Spiel- und Bewegungsfreude brilliert das sechsköpfige Ensemble, in dem die Sopranistin Andrea Suter ihre Berenice souverän durch die emotionale Gemengelage navigiert und in vokalen Silberglanz hüllt, Nicola Ziccardi sich im Bariton-Brustton dem maskulinen Draufgängertum widmet, Cristian Camino (mit anfangs kleinen Unsicherheiten) lyrische Innigkeit spiegelt und Matias Bocchio als loyaler Diener mimisch und auch singend für den Durchblick sorgt, der Onkel Don Eusebio (Roberto Gionfriddo in bester Buffomanier) angesichts des Paare-Chaos abhandenkommt. Verführerisch und emotional ausgeglichen formt María Reina Navarro Crespo die Figur der Zofe Ernestina. Gekonnt auch der schauspielerische Umgang mit den ins Deutsche übertragenen Rezitativen, die clever die Verständnisbrücke für die Italienisch gesungenen Arienpassagen bauen. Ausdrucksstark lassen sich die Akteure auf die augenzwinkernde Regie-Gangart ein, die Daniel Grünauer mit dem Gespür für richtiges Timing und balancierte Dosierung zwischen Klamauk und Ernsthaftigkeit gewählt hat. Prägnant unterstützt wird er dabei von seinem Ausstatter Joachim Steiner mit genialer Kostümwahl sowie dem musikalischen Leiter Eckart Manke, der das klanglich transparente Kammerorchester der RathausOper Konstanz als takt- und gefühlvolle Sängerbegleitung leuchten lässt.
„L’occasione fa il ladro“ („Gelegenheit macht Diebe“) (1812) // Farsa von Gioachino Rossini
Der historische Innenhof des Konstanzer Rathauses ist allein schon Bühne genug. | Foto: Bjørn Jansen
Darum ist die Konstanzer Rathausoper genau das Richtige für einen Sommerabend
Besprechung von Veronika Pantel zu Joseph Haydns Opera Buffa „Der Apotheker“, erschienen im "Südkurier" vom 16. August 2021.
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Darum ist die Konstanzer Rathausoper genau das Richtige für einen Sommerabend
In Konstanz ist in diesem Jahr Joseph Haydns „Der Apotheker“ im Innenhof des Rathauses zu sehen. Die sommerlich leichte Geschichte erzählt von einer reichen Frau, die von drei Männern umworben wird. Eine temporeiche Inszenierung mit herrlicher Musik und überzeugenden Stimmen.
VON VERONIKA PANTEL // Südkurier vom 16. August 2021
Eine schöne, reiche Frau, drei Männer, die um sie werben, Verwirrspiel und Verkleidungsreigen und endlich die Wendung zum Guten – das ist der Stoff, aus dem Opern sind. Besonders die heitere Oper lebt von komischen Verwechslungen und kuriosen Charakteren.
Die Rathausoper traf in diesem Jahr mit Joseph Haydns Oper „Der Apotheker“ von 1768 nach einem Libretto von Carlo Goldoni und in der deutschen Übersetzung von Peter Brenner das Genre auf den Punkt – sommerlich leichte Unterhaltung mit der herrlichen Musik Haydns im historischen Innenhof des Rathauses, der allein schon Bühne genug ist.
Roberto Gionfriddo spielt den Apotheker Sempronio. Im Hintergrund Alice Hoffmann als Volpino. | Foto: Bjørn Jansen
Dazu hat Alisa Amrei Fechter auf zwei erhöhten Podesten hinter dem Orchester eine Apotheke mit Innenleben entstehen lassen. Hier entwickelt sich in der stimmigen und temporeichen Inszenierung von Daniel Grünauer das rasante Spiel, das auch die oberen Fenster als Spielorte mit einbezieht.
Darum geht‘s: Der Apotheker Sempronio mit seiner eitlen Gier nach Geld, Ruhm und Weib überlässt seinem Gehilfen Mengone gerne das Hantieren mit den Essenzen. Er liest am liebsten Zeitung, wenn er nicht seinem Mündel Grilletta nachspürt, die er heiraten will, weil sie Geld mitbringt. Die aber ist mit Mengone liiert, ärgert sich nur, dass er so schüchtern ist und ihr keinen Antrag macht. Deshalb lässt sie den schicken Kunden Volpino zwar abblitzen, geht aber zum Schein auf Sempronios Werben ein.
Elisabeth Wimmer spielt Grilletta, Maximilian Vogler Sempronios Gehilfen Mengone. | Foto: Bjørn Jansen
Der lässt gleich den Notar kommen, der sich – in doppelter Ausführung – als Mengone und Volpino in Amtstracht entpuppt. Wütend jagt der Apotheker sie hinaus. Erst als er auf Volpinos Verkleidung als Gesandter des Königs der Molukken hereinfällt, der ihn mit Reichtum im Orient lockt, gesteht er Mengone endlich die Heirat mit Grilletta zu – freilich erst, als auch dieser als reicher Orientale verkleidet erscheint. Roberto Gionfriddo als Apotheker verfügt über einen volumenreichen Tenor, der in der Höhe manchmal angestrengt wirkt. Dafür überzeugt er durch lebhafte Bühnenpräsenz und verleiht seiner Rolle ebenso tollpatschige wie listige Züge.
Die Stimmen überzeugen
Maximilian Vogler gibt den Mengone, auch er mit raumgreifendem Tenor. Er artikuliert sehr deutlich in den Secco-Rezitativen (dem nur vom Cembalo begleiteten Sprechgesang) und verleiht seiner köstlichen Arie „Dem Magen, der Probleme macht, dem gebe ich Rhabarbersaft“ mit der lautmalenden Haydn-Musik sprühenden Witz.
Elisabeth Wimmer spielt die elegante Grilletta. Ihr durchsetzungsstarker Sopran überzeugt in den gar nicht so einfachen Arien auch mit sauberen Koloraturpassagen. Im schönen, melodieseligen Liebesduett mit Mengone taucht die Lichtregie (Shara Werschke) Bühne und Fenster in rotes Licht.
Der historische Innenhof des Konstanzer Rathauses ist allein schon Bühne genug. | Foto: Bjørn Jansen
Alice Hoffmann in der Hosenrolle als Volpino im hellvioletten Anzug mit Silberweste ist in weiteren fantasievollen Verkleidungen unterwegs (Kostüme: Joachim Steiner). Ihr schlanker Mezzosopran kann sich gut behaupten.
Das Kammerorchester aus Mitgliedern verschiedener Orchester und weiteren Profis verwaltet Haydns schwungvolle und dem Wortgehalt folgende Musik großartig. Dirigent und musikalischer Leiter Eckart Manke verleitet zu ebenso präzisem wie fein gestaltetem Spiel. Oft sind Solo-Rollen gefragt, etwa vom Cembalo bei den Rezitativen, von der Violine als die Singstimme begleitendes Instrument oder von den Oboen, die den trockenen Vertragstext der Notare mit schmachtenden Kantilenen begleiten.
Dass die Inszenierung von zwanghaften Aktualisierungen absieht, ist reine Wohltat. So kann das begeisterte Publikum nach monatelanger Livemusik-Abstinenz sogar in Konstanz große Musik im Opern-Kleinformat genießen.
Entschwunden ins Schlagzeug-Spiel
Rezension von Manfred Jahnke zur deutschsprachigen Erstaufführung, erschienen am 29.08.2020 in "Die Deutsche Bühne".
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Entschwunden ins Schlagzeug-Spiel
Cédric Chapuis: Ein Leben in Takt
VON MANFRED JAHNKE // Die Deutsche Bühne am 29.08.2020
Ein Mann im Dunkel, ein Feuerzeug flackert. Im Hintergrund zwei große verpackte Objekte, die sich, wenn die Verhüllungen heruntergerissen werden, als Schlagzeugbatterien erweisen – eine klassische und eine elektronische. Am Ende stellt sich dieses Bild wieder her. Dazwischen aber liegt eine Welt, in der die aufregende Geschichte von Adrien Lepage, einem Jungen mit autistischen Zügen, erzählt wird, der das Trommeln für sich entdeckt hat: Erst entwickelt er den Takt aus dem Rhythmus der Alltagsgegenstände, deren Geräusche er übernimmt und zu ganzen Tonfolgen komponiert, und entdeckt mit dem eigenen Herzschlag die Body-Percussion, bis er dann endlich ein altes Schlagzeug geschenkt bekommt.
Deutschsprachige Erstaufführung von EIN LEBEN IN TAKT mit Arlen Konietz in der Regie von Ingo Putz. Foto: Bjørn Jansen
Arlen Konietz spielt das virtuos. Nicht nur das Schlagzeug, das er beherrscht und locker die verschiedenen Beats einer Zirkusnummer oder einer einfühlsamen Bigband-Nummer vorführt (Adrien hat sich sein Können auch mithilfe der alten Jazzplatten seiner toten Großmutter angeeignet); virtuos ist auch, wie er die Geschichte des Jungen aus der Rückblende erzählt: zugleich distanziert und sich doch auf die Gefühlswelt dieses Jungen einlassend, bis hin zum großen Blackout. Nach dem verunglückten Versuch, in einer Band zu spielen, in der alle kiffen, entdeckt er in einem Musikgeschäft ein neues Schlagwerk, in dem er alle Beats über Kopfhörer spielen kann, also niemand sich mehr an dem „Lärm“ stören kann. Während er auf dem Nachhauseweg noch darüber nachdenkt, wie er für die neue Musikmaschine 4000€ aufbringen kann, verbrennt sein Vater das alte Schlagzeug. Als er diesen Vorgang realisiert, rastet Adrien aus und schlägt mit dem Spaten zu. Am Ende hören wir dann im Dunkel die hallenden Schritte eines Gefängniswärters – und sehen das Licht des Feuerzeugs vom Anfang wieder aufflackern.
Diese Geschichte spielt kunstvoll mit den Sounds unterschiedlichster Musikstile von Louis Armstrong bis zu den „Metallics“, bezieht diese zugleich auf die Biographie eines jungen Menschen, der sich ganz und gar in eine andere Welt hineinziehen lässt. In sie hat sich der Protagonist vollständig hineingesponnen; für das Außen bleibt da nur noch ein skurriler Blick. Wie gesagt, Arlen Konietz macht das virtuos, und dass er in dieser Produktion so auftrumpfen kann, ist der Regie von Ingo Putz zu verdanken, der wie gewohnt ein Ambiente schafft, in dem sich der Spieler frei bewegen kann. Dem Regisseur gelingt es, seine Spieler genau zu beobachten, ihnen dabei aber die Freiheit zu eigener Kreativität zu lassen und daraus eine eigene Form zu entwickeln. Und wenn dann noch einer wie Martin Deufel zum Schlagzeug-Coaching dazu kommt, der ein genaues Gehör hat, dann kommt es zu einem spannenden Abend.
Eigentlich erstaunlich, dass dieses Stück – „Ein Leben in Takt“ – nicht schon vorher den Weg auf deutsche Bühnen gefunden hat. Der Autor Cédric Chapuis hat „Une vie sur mesure“ – wie der Originaltitel lautet – selbst über 1500 Mal in Frankreich und anderswo gespielt. Das Stück ist unter anderem ins Spanische und Englische übersetzt. Der ehemalige Konstanzer Chefdramaturg Daniel Grünauer hat dieses Stück entdeckt, Eugénie Verbeurgt hat es übersetzt. Und Grünauer hat dafür gekämpft, dass dieses Stück in einer freien Produktion beim Kulturzentrum K9 herauskommen kann. Man kann nur hoffen, dass bald auch andere Bühnen diesen Monolog mit Schlagzeug für sich entdecken.
Besprechung von Martin Preisser zu Christian Josts Bearbeitung von Schumanns „Dichterliebe“, erschienen im "Südkurier" vom 24. August 2020.
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So wird Robert Schumann zu unserem Zeitgenossen
Die Rathausoper Konstanz trotzt Corona und nimmt sich Christian Josts Bearbeitung von Schumanns „Dichterliebe“ eindringlich an
VON MARTIN PREISSER // Südkurier vom 24. August 2020
Eine schmale Linie aus Schmerz und Leichtigkeit ziehe sich durch das Werk von Robert Schumann, sagt Christian Jost. Er hat 2017 eine Kammermusikfassung von dessen Liederzyklus „Dichterliebe“ komponiert. Ein Weiterdenken nennt Jost die Bearbeitung, aber viel mehr ist sie ein Neudenken.
Die Rathausoper trotzt Corona, setzt ein Zeichen, „dass Kultur für den gesellschaftlichen Zusammenhalt essenziell ist“, wie es im Programm heißt. Josts „Dichterliebe“ ist keine Rathausoper light – der Abend wird zu einem Highlight an Inszenierung zeitgenössisch gedachten Schumanns (Regie: Daniel Grünauer). Christian Jost hat während der Arbeit an diesem Heine-Zyklus viel zu früh seine Frau, die Mezzosopranistin Stella Doufexis (1968-2015) verloren. Er fragt: „Wird das Tragische zum Motor eines Neuen oder erstickt es gar die Quelle, die eigentlich sprudeln soll?“ Bei Jost sprudelt sie; ein Fluss zart aufscheinender, transparenter und doch eindringlicher Trauermusik entwickelt sich in dieser Neuschöpfung.
Zu Beginn wurde das erste Lied im Original für Klavier (Bernhard Renzikowski) und Bariton gegeben. Dann die Fassung von Jost. Hervorragend und mit präzisem Engagement haben sich Rathaus-Oper-Dirigent Eckart Manke und sein neunköpfiges Ensemble dieses erstaunlichen Werks angenommen. Pars pro toto möchte man Paul Strässle am Vibraphon und Marimbaphon erwähnen. Diese Instrumente halten Josts „Dichterliebe“ zusammen, schieben sie manchmal auch in eine exotische, archaische oder jazzige Ecke.
David Pichlmaier und Lena Sutor-Werner singen aus den Fenstern der fantasievoll beleuchteten Rathausfassade. Foto: Bjørn Jansen
Genauigkeit in der Darstellung war ein roter Faden des Abends, auch bei den Gesangssolisten Lena Sutor-Wernich (Mezzosopran) und David Pichlmaier (Bariton). Sie gestalteten die Lieder mit viel Ruhe, einer innerlichen Gestaltungskraft und hoher Textverständlichkeit – interpretatorisch zwingend. An vielen Stellen wunderte man sich, dass die zeitgenössische Partitur so gut zu den Schumann’schen Originalmelodien passte. Jost geht da vor allem mit den Klangfarben und einem rhythmisch sehr unabhängigen Denken einen stringenten Weg des Neuschöpfens. Gerade der zweite Teil dieser „Dichterliebe“ wird immer erdenferner. Man hört jetzt Variationen des Entschwebens, wie sie Schumann selbst in seinen letzten Werken gezeigt hat. Eindringliches, fantasievolles Lichtdesign (Shara Werschke) leuchtet die Rathausfassade aus, aus deren Fenstern gesungen wird. Der Abend endet mit entschwindenden Flageolett-Tönen der Streicher – ein Abend, an dem eine nachdenkliche Pianissimo-Aufmerksamkeit im Rathaushof zu spüren war. Eine wunderbare Produktion und eben alles andere als einen abgespeckten Corona-Kompromiss.